erfolgreich - kommunikativ - selbstbewusst mit Dr. Alix Krüger
erfolgreich - kommunikativ - selbstbewusstmit Dr. Alix Krüger

Nähe auf Kommando?

Photo by Roland Samuel on Unsplash

 

Was würden diese beiden Herren wohl sagen, wenn ihnen mitgeteilt würde: „Ab jetzt duzen wir uns alle! Also duzt euch!“?

 

Kürzlich löste die Ankündigung: „Wir sind jetzt per Du mit euch!“ bei Xing eine heftige Debatte aus. https://www.xing.com/news/insiders/articles/warum-wir-sie-jetzt-duzen-3212207?xng_share_origin=web

 

Dieser kategorische Imperativ: „Ab jetzt werdet ihr alle geduzt!“ (ob ihr wollt oder nicht), klingt für mich wie aus der Zeit gefallen. Das erinnert mich stark an jenes tiefe Heiterkeit auslösende Bonmot, welches Helmut Kohl einst Margret Thatcher dargeboten haben soll, als er ihr großzügig offerierte: „You can say you to me!“. Nicht überliefert ist hingegen, wie sie mit ihrer inneren Heiterkeit fertig wurde.

 

Geht es hier wirklich nur um das „du“?

 

Vordergründig vielleicht, denn zunächst ist das ja das Thema der einseitigen Aktion. Die Frage nach dem „Warum?“ ist viel spannender. Warum wählt das Netzwerk Xing diese Einseitigkeit? Der Shitstorm war zu erwarten und scheint mir völlig unnötig.

Denn er betraf im Grunde gar nicht das „du“ als solches.

 

Es ging vielmehr um die Übergriffigkeit, die in dem Anspruch liegt: Die Nähe habt ihr (die Kunden) jetzt zu tolerieren, weil wir uns selbst jetzt so fortschrittlich und offen sehen möchten.

 

Dieses Vorgehen zeigt einen Bruch zum Netzwerkgedanken und dem kommunikativen Respekt zwischen Menschen.

Auch bei Xing sind diese Regeln für die Nähe zueinander klar definiert: Jemand bittet um Vernetzung, weil er den Kontakt haben möchte. Das Gegenüber kann frei entscheiden, ob er/sie dem Kontakt zustimmen möchte oder nicht.

 

Wenn ich jetzt bei der Kontakteinladung sofort duze und meinem Gegenüber schmeckt das nicht, wird er den Kontakt nicht annehmen. Ende der Geschichte.

Ob ich mich duzen lasse oder nicht, zeigt sich somit erst anhand meiner Reaktion.

 

Das Aufzeigen des mangelnden Einverständnisses oder der Ablehnung des übergriffigen Diktats ist deutliche Positionierung, ohne weitere Reaktion wie Strafen oder Verurteilen wirklich zur Verstärkung zu benötigen. Es ist ein ruhiges Nein.

 

Ein zornentbranntes Verlassen des Netzwerkes, was jedem freisteht, ist letztlich ebenso ein Reagieren auf diesen so empfundenen Affront wie barsches Verurteilen dieser „Neuigkeit“. Aber dadurch hat Xing immerhin eine Reaktion erhalten, also etwas erreicht – wenn auch vermutlich nicht das, was Dr. Sabrina Zepplin vorschwebte.

 

Warum denn überhaupt noch mit einer eigenen Aktion auf diesen Versuch einer Grenzüberschreitung reagieren? Das „Nein“ reicht doch!

Soll Xing doch duzen. Solange sie von ihren Mitgliedern keine Antwort erwarten, kein Update in teurere Angebote, keine Empfehlung, keine positive Beurteilung – solange ist diese Übergriffigkeit eine einseitige Selbstkundgabe seitens Xing, die auch als Entblößung gesehen werden kann.

 

Ich bin überzeugt, dass es hier um viel mehr geht.

Prinzipiell habe ich selbst überhaupt nichts gegen das manchmal unkompliziertere „du“, solange es von beiden Seiten aufrichtig gewünscht und somit wirklich akzeptiert wird.

Eine oktroyierte Anordnung, von wem und aus welcher Position auch immer, hat damit nichts gemeinsam.

 

Hier wurde das „Sie“ jedoch mit „einer hierarchische Denk- und Arbeitsweise“ verknüpft. Somit wurden jene Menschen, die das „Sie“ aus ganz verschiedenen Gründen, vielleicht auch nur zu Beginn vorziehen, kategorisch als hierarchisch eingestellte Personen, die einer längst vergangenen Zeit anhängen, in dem entsprechende Kästchen in der Xing ‘schen Chefetage verstaut.

 

Diesen etwas hinter der Zeit Gebliebenen wird dann auch noch gewissermaßen gnädig „erlaubt“, weiter „Sie“ zu sagen. Was in der Auswirkung herablassend herüberkommt und einem aggressiv-entwertenden Stil entspricht.

 

Respekt und Grenzwahrung sehen anders aus.

 

Aber warum meinen wir, reagieren zu müssen? Reaktiv verteidigend?

Dann erst zeigen wir, dass wir uns angegriffen fühlen. Von einem Netzwerk, das seine Grenzen nicht erkennen kann? Das die Ansichten seiner Nutzer nicht zuerst in einer allen wirklich zugänglichen Umfrage herausfindet?

 

Xing hätte dann vermutlich ganz andere Reaktionen erhalten. So ist es ein lautstark nach hinten losgegangener Schuss geworden, lediglich ein untauglicher Versuch am nicht willigen Subjekt und somit nach meiner Erfahrung nicht wirklich erfolgreich. Übergriffigkeit kommt nicht positiv an. Und genau das ist der Punkt.

 

Distanz und Nähe werden niemals einseitig entschieden!

 

Dabei geht es viel weniger um das „Du“ selbst, welches ja ein Zeichen des einverständlichen Näherkommen-wollens der Beteiligten darstellt.

In meinen Augen geht es um viel Grundsätzlicheres. Es geht um Konfrontation von Macht und Ohnmacht, statt Kooperation auf Augenhöhe. Um ein „Wenn-dann“, also um Bedingungen und Abhängigkeiten, statt um bilateral abgestimmtes Miteinander.

So entspricht die „Du-Initiative“ in dieser dort abgelaufenen, von „oben“ verordneten Form exakt der hierarchischen Top-down-Vorgehensweise, die bekanntlich mit Offenheit für Veränderungen und Diversitätsakzeptanz gar nichts zu tun hat. Top-down von Xing (top) auf seine Nutzer (down)? Und  ausgerechnet das als Zeichen des (angeblich) abgelegten Hierarchiedenkens?

 

Was für eine Idee, noch dazu in dieser Zeit!

 

Einer Zeit, in der auch zögerlichere Charaktere durchaus allmählich darüber nachdenken, dass es vielleicht doch etwas klüger sein könnte, nicht mehr angebotsorientiert vorzugehen, sondern sich vielmehr kundenorientiert auszurichten! Dass es darum geht, die Kunden, die ja vor allem Menschen mit eigenen Ansichten und Einstellungen sind, nicht nur zu bekommen, sondern sie auch zu behalten. Dazu muss ich meine Gegenüber kennenlernen. Immer wieder und wieder. Und das geschieht nun einmal durch Fragen stellen und bei den Antworten sehr genau hinhören.

 

Ein gutes, Vertrauen ermöglichendes Miteinander bedeutet immer ein respektvolles Agieren auf Augenhöhe.

 

Ich denke, es ist daher gar nicht entscheidend, ob wir Kunden für Xing Premium oder welche Stufe auch immer bezahlen. Diese geschäftliche Entscheidung steht auf einem ganz anderen Blatt, sie wurde von jedem frei getroffen.

 

Es geht um das in Anspruch genommene „Recht“ auf Einseitigkeit in einer mindestens zweiseitigen „Beziehung“.

Schon eine Befragung, die im Netz nachvollziehbar gewesen wäre und die klugerweise beiden Ansichten Optionen eingeräumt hätte, hätte Xing diesen „Shitstorm“ erspart.

 

Dem gegenüber hatte ich jetzt ein stark konträres Erlebnis, welches ich mit dem Support von Linkedin hatte.

Linkedin – als international tätiges Netzwerk – scheint mit dem „Du“ im Englischen etwas vertrauter, welches nicht zwangsläufig dem Kumpel-Du entspricht, sondern sehr viel Höflichkeit enthalten kann.

 

Linkedin ist nicht nur beim „Sie“ geblieben – wovon ich hoffe, dass es so bleibt – sondern befleißigte sich zumindest mir gegenüber eines mich doch sehr überraschenden, ausgesprochen höflichen, freundlichen und sehr respektvollen Benehmens.

Das hatte bei mir deutlich mehr Öffnung zu Linkedin und ein Ansteigen der Wertschätzung zur Folge. Meine Frage wurde verstanden, gut geklärt und mir wurde weitere Erreichbarkeit dieses Supportmitarbeiters zugesichert. Was will ein Kunde mehr?

 

Ich fühlte mich erhört. Im Gegensatz zu dem „unerhörten“ Verhalten bei Xing.

Ich gebe zu, nach Beenden dieser erfolgreichen Kommunikation war ich erst einmal richtig „baff“! Support und respektvolle Höflichkeit?

Das ist nicht unbedingt der Regelfall. Aber wenn, dann umso wirkungsvoller.

Deshalb hatte ich noch lange nicht den Eindruck, dass Linkedin zurückgeblieben ist oder hierarchische Strukturen unterstützen will.

 

Mit Respekt und Toleranz, Wertschätzung und tatsächlicher Fähigkeit zur Diversität offen und annehmend umzugehen, kann niemand auch nur vortäuschen. Schon beim ersten Versuch, nach wenigen Worten, Gesten und körpersprachlicher Klarstellung ist die Inkongruenz zwischen der tatsächlichen Denkweise und dem aufgepapptem „modernen“ Verhalten auf allen „Empfangskanälen“ beim Gegenüber angekommen.

 

Klappe zu, Kontakt dicht.

 

Was können wir daraus lernen? Wenn wir bereit sind zu lernen?

 

Die Möglichkeiten, Zugang zum emotionalen, menschlichen Teil des Gegenübers zu bekommen und erhalten zu können, sind die „Adressen“ der Zukunft. Nur funktionieren diese Zugänge nicht über Algorithmen, nicht über nur noch belästigend empfundene Werbemails mit Adress-Sammelfunktion, nicht über Diktat von oben.

 

Diese Zugänge funktionieren über menschliche Charaktere. Nur der Respekt der anderen Persönlichkeit gegenüber gibt uns die Chance, gemeinsame Interessen herauszufinden und gemeinsam zu erreichen.

 

Für diesen Respekt braucht jeder von uns Mut. Den Mut, auch mit Diversitäten umgehen zu können. Es braucht sogar viel Mut, zu akzeptieren, dass auch andere Sichtweisen wichtige Inhalte haben, die auch mich weiterbringen können. Engstirnigkeit war noch nie ein Zeichen von Größe. Überlegen Sie einmal, was „enge Stirn“ dem Wortsinn nach aussagt! Die Scheuklappen sind da nicht weit von entfernt.

 

Letztlich sind Respekt und Mut und damit die Fähigkeit zur Diversität immer auch eine Frage der Selbsteinschätzung: „Kann ich auch mit Andersdenkenden höflich und fair umgehen? Kann ich mir genau anhören, was sie wirklich sagen und meinen? Kann ich gegebenenfalls nachfragen, damit ich herausbekomme, ob ich sie richtig verstanden habe? Oder kann ich immer nur sofort reflektorisch abwehren, weil etwas „anders“ ist, als ich es sehen will?“

 

Respekt und Mut sind somit letztlich die Ausweise unseres Selbstwertes.

 

Beide sind sehr gut trainierbar. Durch ständiges Üben solcher Öffnungen zu neuen Gedanken, Methoden, Zusammenhängen, Sichtweisen.

Wie bei jedem anderen Training auch – durch Üben und Üben. Ja, und dann noch Üben.

 

Wir alle kennen das auf verschiedene Weise: Wenn wir mit strahlendem Gesicht und angewinkeltem Bizeps ein stolzes „Jaa!“ juchzen, weil uns etwas Schwieriges geglückt ist.

Dieses Gefühl des Stolzes, sich selbst oder als Team gemeinsam überwunden zu haben, bei etwas, von dem wir uns nicht einmal vorstellen konnten, es je hinkriegen zu können.

Solche bestätigenden Erlebnisse bringen mehr Öffnung, Nähe und Gemeinschaft als jedes aufgepfropfte „du“.

 

Geht es nicht gerade um diese Brücken, die nur wir Menschen bauen können?

 

Für Fragen und Unterstützung finden Sie mich hier

 

Zur Blogübersicht

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Dr. Alix Krüger